Hormonmangel

Der individuelle Sekundenrausch

Von Nadine Effert · 2015

Jede Frau erlebt den Höhepunkt sexueller Erregung anders – und manche auch gar nicht.
Ausgerechnet ein männliches Hormon spielt dabei eine prominente Rolle.

Wenn sich die Muskeln um Scheide, Gebärmutter und Beckenboden mehrmals rhythmisch zusammenziehen, erleben manche Frauen dies sehr intensiv, andere verspüren ein leichtes Kribbeln, Zucken oder wellenartiges Gefühl. Den Standardorgasmus gibt es nicht, und auch das individuelle Lustempfinden kann sich von Mal zu Mal unterscheiden. Dass ein Orgasmus sich gut anfühlt, das dürften wohl beide Geschlechter bestätigen. Doch werden Frauen gefragt, was denn im Köper genau passiert, wenn sie «kommen», folgt nicht selten ein ratloses Schulterzucken als Antwort.

In vier Schritten zur Befriedigung

Auch für Sexualforscher ist der weibliche Orgasmus bis heute ein spannendes Thema, wenngleich er teilweise immer noch ein Mysterium ist. So konnten sich Wissenschaftler bislang nicht einigen, ob es den vaginalen Orgasmus überhaupt gibt oder ob das grossartige Gefühl allein von der Stimulation der Klitoris ausgeht. Was allerdings als bestätigt gilt, ist das Vier-Phasen-Modell der sexuellen Erregung, das die US-amerikanischen Sexualwissenschaftler William Masters und
Virginia Johnson in den 1960er Jahren aufgestellt haben. Danach gibt es eine Erregungs-, Plateau-, Orgasmus- und Rückbildungsphase, die allesamt durch ein komplexes Zusammenspiel von Hormonen, Nerven, Drüsen, Gehirn und Geschlechtsorganen geprägt sind.

Hormonmangel sorgt für Frust statt Lust

In den ersten beiden Phasen werden vor allem die Sexualhormone Testosteron und Östrogen vermehrt ausgeschüttet, das Peptidhormon Vasopressin lässt Puls und Blutdruck ansteigen. Eine verstärkte Produktion von Testosteron bewirkt bei der Frau das Feuchtwerden der Scheide, eine stärkere Durchblutung des Beckenbodens und das Aufrichten der Gebärmutter. Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe anderer Hormone, die eine Wirkung auf unsere Sexualität haben. Wenn also mit dem Hormonhaushalt etwas nicht stimmt, haben Frauen nicht nur weniger Lust, sie bekommen auch seltener Orgasmen. Vor allem Frauen in den Wechseljahren kennen das Problem, wenn nach der Menopause die Produktion von Testosteron in den Eierstöcken gedrosselt wird.
Sexuelle Unlust ist jedoch ein sehr komplexes System. Auch organische und krankheitsbedingte Ursachen sowie die Psyche können eine Rolle spielen. Lässt die Libido über einen längeren Zeitraum zu wünschen übrig, sollte frau den Schritt wagen, sich einem Arzt anzuvertrauen: Insbesondere Hormon-, Sensibilitäts- und Durchblutungsstörungen können mit einer medikamentösen Therapie gut behandelt werden.