Embodiment

Die Seele im Körper entdecken

Von Nadine Effert · 2017

Wer einen Stift zwischen den Zähnen hält, findet Witze lustiger? Das ist kein Witz, sondern wissenschaftlich bewiesen. Der Einfluss unseres Körpers auf unsere Psyche ist nämlich grösser, als viele denken.

Die Wechselwirkung zwischen Körper und Seele – lange Zeit wurde dieses Zusammenspiel von Wissenschaftlern eher stiefmütterlich behandelt. In der Psychologie hatte der Mensch sozusagen keinen Körper. Doch in den vergangenen Jahren rückte die Thematik in das Bewusstsein verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen mit dem Resultat verschiedener Studien.
Zurück zum Stift-Beispiel: Wie kann es sein, dass Menschen mit einem Stift zwischen den Zähnen leichter zu belustigen sind?
Ganz einfach: Beim Halten des Stiftes werden die gleichen Muskeln aktiviert wie beim Lächeln – und das hat direkte Auswirkungen auf unsere Stimmung. Dieses Phänomen, das Körperhaltung und Bewegung im Gehirn mit Gefühlen verbunden sind, wird im Fachjargon «Embodiment» – auf deutsch Verkörperung – genannt.

Muskeln und Geschmackserleben hängen zusammen

Was steckt genau hinter diesem Konzept? Embodiment impliziert, dass Körper und Geist in wechselseitigem Bezug stehen. Heisst: Ohne unseren Körper wären wir nicht in der Lage, zu denken und Gefühle zu empfinden. Umgekehrt haben Denken und Gefühle, also die Psyche, Auswirkungen auf den Körper.
Dazu noch eine interessante Studie zum Verständnis: In dieser Untersuchung wurden die Probanden in zwei Gruppen eingeteilt. Die eine Gruppe sollte von unten, die andere von oben mit den Händen gegen eine Tischplatte drücken. Danach erhielten alle einen Keks zu essen und sollten dann sagen, wie gut ihnen das Gebäck geschmeckt hat. Das Ergebnis: Die Von-unten-an-den-Tisch-Drücker fanden die Kekse leckerer. Wie kann das sein?
Die Erklärung: Beim Drücken von unten an die Tischplatte werden Muskeln aktiviert, die auch bei Umarmungen zum Einsatz kommen. Und das gute Gefühl, dass mit einer Umarmung verknüpft ist, überträgt sich auf das Geschmackserlebnis.

Die Entfernung von Sorgenfalten hat laut Studie einen Einfluss auf die Stimmung.

In einem weiteren Experiment wurde der Einfluss der Gesichtsmimik auf die Stimmung, genauer gesagt auf den Verlauf einer Depression, untersucht.
Forscher der medizinischen Hochschule in Hannover stellten die These auf, dass depressiven Patienten geholfen werden könnte, wenn sie weniger Sorgenfalten im Gesicht haben. Den Studienteilnehmern wurde mit dem Nervengift Botulinumtoxin die Zornesfalten entfernt, woraufhin sich deren Stimmungslage um 60 Prozent verbesserte. Andere Studien brachten zutage, dass zum Beispiel unsere Körperhaltung nicht nur Einfluss auf unsere Gefühle hat, sondern auch darauf, welchen Informationen – negative oder positive – wir mehr Beachtung schenken. Erstaunlich. Doch wie funktioniert das Ganze? Was passiert in unserem Gehirn? Und was bringen die Erkenntnisse aus der Embodiment-Forschung in der Praxis?

Ohne Körper keine Verhaltensänderung

Eine mögliche Erklärung für den Einfluss der körperlichen Zustände auf das emotionale und geistige Erleben liegt in der Gehirnstruktur. Dort, im Denkorgan, sind emotionales, geistiges und körperliches Erleben über Knotenpunkte mitei­nander verknüpft, sodass ein Zustand die übrigen aktiviert. Es gibt noch andere Erklärungsansätze, doch wichtiger als diese, ist das, was mit den Erkenntnissen angefangen werden kann – sei es von uns selbst oder auch von beratenden oder therapeutisch agierenden Personen. Mit dem Ziel, den Körper bei der Betrachtung der Seele ins Rampenlicht zu rücken; dem Wechselspiel zwischen Körper und Seele die Beachtung zu schenken, die es verdient. Durch Embodiment können wir eine gewünschte Verhaltensweise beziehungsweise Verfassung ermöglichen.
Oder anders ausgedrückt: Wir können laut den Embodiment-Experten ohne den Einbezug des Körpers keine nachhaltige Verhaltensveränderung herbeiführen. Mehr Selbstbewusstsein gewünscht? Das kann durch eine Änderung der Körperhaltung funktionieren: Anstatt mit hängenden Schultern durchs Leben zu gehen, ist eine aufrechte Körperhaltung angesagt. Diese bewirkt, dass man sich selbstsicherer fühlt. Nur ein Beispiel von vielen, bei denen Embodiment angewendet werden kann. Es ist ein universelles Phänomen, das alle Lebensbereiche durchzieht und ein spannender Forschungsansatz, dessen Potenzial längst noch nicht ausgeschöpft ist.