Psyche

Die Seele ist heilbar

Von Otmar Rheinhold · 2013

Psychische Krankheiten kommen häufiger vor, als allgemein angenommen. Längst sind sie kein Stigma mehr – und sie können in der Regel behandelt werden.

Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge leidet weltweit jeder vierte Arztbesucher an einer psychischen Erkrankung. Seelische Erkrankungen gehören denn auch zu den häufigsten Gründen für eine Krankschreibung. Und auch wenn es gar nicht so klar ist, ob die Zahl der Betroffenen wirklich steigt. Im Blickfeld der Öffentlichkeit sind psychische Störungen, wie man heutzutage oft auch sagt, sicher stärker als früher. Schlagworte wie Burnout, Depression oder Borderline-Syndrom machen dann schnell die Runde, und überall melden sich Experten zum Thema zu Wort.
Doch was sind psychische Erkrankungen eigentlich genau? Was sind ihre Ursachen und wie können sie behandelt werden? Zunächst: So eindeutig zu definieren sind sie gar nicht. Das erstaunt nur auf den ersten Blick. Wer sich einmal ehrlich an die Schwankungen im eigene Gefühlsleben erinnert, der wird schnell zugeben, dass die Grenze etwa zwischen einer länger anhaltenden Frustration über einen beruflichen Misserfolg zu einer aussichtslos erscheinenden, dauerhaften existenziellen Niedergeschlagenheit, einer klinischen Depression, durchaus fliessend sein können. Die Seele lässt sich nicht so leicht diagnostizieren wie ein gebrochener Arm.

Es kann jeden treffen

Eine relativ weit gefasste Definition sagt, dass psychische Erkrankungen die Wahrnehmung (der Umwelt, anderer Menschen, des eigenen Selbst), das Denken, Stimmungen und das Verhalten beeinflussen. Und zwar so, dass die Betroffenen sich von einer von anderen als «normal» empfundenen Realität entfernen. Dabei können psychische Erkrankungen dauerhaft, in Phasen oder auch nur einmal auftreten. Oft beeinträchtigen sie das Leben der Betroffenen und ihres Umfeldes erheblich. Sie können jeden treffen, sie sind kein Zeichen von Schwäche oder Grund für Stigmatisierung – und sie können in der Regel behandelt werden. 
Vor diesem Hintergrund wird klar, dass eine Aufzählung psychischer Erkrankungen ins Uferlose mündet. Dennoch gibt es in der Psychiatrie und der Psychologie gewisse Kategorien psychischer Erkrankungen, die auch neue Erkenntnisse über deren Ursachen reflektieren. Heutzutage sieht man psychische Erkrankungen als Symptombündel, deren Ursachen vielfältig sind und sowohl biologischer als auch «seelischer» Art sind. So weiss man etwa, dass Depressionen auch hirnorganische oder hormonelle Ursachen haben können und mit Medikamenten gut behandelt werden können. Andererseits haben auch rein gesprächsorientierte, sich «an die Seele wendenden» Massnahmen Erfolge bei primär organisch bedingten Störungen.

Verbreitetes Auftreten

Es gibt eine Reihe von psychischen Störungen, denen in der jüngsten Zeit vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt wird – was sicher auch an ihrer Verbreitung und den Auswirkungen für Betroffene und ihr Umfeld liegt. Da ist zum einen die Depression. Längst bezeugt seine Unwissenheit, wer Menschen dazu auffordert sich «zusammenzureissen», die über längere Zeiträume hinweg antriebslos sind, keinen Sinn im Leben sehen, Konzentrations- und Schlafschwierigkeiten haben oder gar Suizidgedanken haben. Depressionen stecken oft auch hinter dem viel diskutierten «Burnouts», der als Krankheitsbild an sich eher unscharf ist und vor allem als Reaktion auf extreme berufliche Belastung und ein schlechtes Stressverhalten auftritt. Bipolare Störungen, ein extremes Schwanken zwischen Niedergeschlagenheit und Phasen manischer Aktivität, machen nicht nur den Betroffenen, sondern auch ihrem Umfeld sehr zu schaffen. Zu den am weitesten verbreiteten psychischen Störungen gehören natürlich auch Suchterkrankungen und nach wie vor Essstörungen wie Bulimie und Anorexia. Zu allem kommt noch das Phänomen der Komorbidität, also das zeitgleiche Auftreten mehrere Syndrome, die allerdings keinen ursächlichen Zusammenhang haben müssen. So treten etwa Depressionen häufig mit Suchterkrankungen, aber auch mit körperlichen Beschwerden wie Rückenschmerzen auf. 
Die Behandlung psychischer Erkrankungen sollte immer in der Hand von Psychiatern und therapeutisch orientierten Psychologen liegen. Sie weisen für jeden Einzelfall den Weg zu bewährten Therapien. Entscheidend ist, den ersten Schritt zu tun, im Zweifelsfall auch für Angehörige oder Freunde. Und das bedeutet: Wenn das Leben und das Wohlbefinden eindeutig und tiefgreifend eingeschränkt sind und keine für den Laien erkennbaren organischen oder äusseren Ursachen vorliegen, sollte ohne Scheu und Angst auch eine psychische Erkrankung in Betracht gezogen werden. Hilfe ist möglich, und allein ist damit niemand.