Neue Technologie für Diabetes

Ein Meilenstein in der Insulintherapie

Von Nadine Effert · 2015

Regelmässig Blutzucker messen und Insulin spritzen:
Alltag für Diabetiker. Eine Pumpe erleichtert das Prozedere und seit Kurzem kann eine künstliche Bauchspeicheldrüse den Job sogar komplett übernehmen.

 

Ob Diabetes Typ 1 oder Typ 2: Die Behandlung der «Zuckerkrankheiten» muss stets individuell an die Bedürfnisse und Besonderheiten des Patienten angepasst werden. Wer unter Diabetes Typ 1, also einem absoluten Insulinmangel, leidet, kennt das Prozedere nur allzu gut: Mehrmals am Tag muss er sich das lebensnotwendige Hormon, das bei einem gesunden Menschen in ausreichender Menge in der Bauchspeicheldrüse produziert wird, in das Unterhautfettgewebe spritzen - und das lebenslang. Eine Therapie mit Medikamenten, sogenannten Oralen Antidiabetika (OAD), wie sie in der Therapie von Typ-2-Patienten erfolgreich zum Einsatz kommen, helfen ihnen nicht. Der Grund: OAL kurbeln die Insulinproduktion in den Inselzellen an. Diese Zellen haben beim Typ 1 jedoch ihre Funktion verloren.

Pen oder Pumpe?

Bereits seit 1923 ist Insulin für die lebensnotwendige Behandlung verfügbar. Allerdings hat sich inzwischen zum Beispiel in der Art der Verabreichung und Handhabung vieles getan, um Betroffenen das Leben mit der Krankheit zu erleichtern. Als Alternative zur konventionellen Methode, der Verabreichung von Insulin mithilfe eines Pens, können Typ-1-Diabetiker heutzutage auch eine Insulinpumpe verwenden. Das kleine Gerät ist individuell programmierbar und gibt kontinuierlich Insulin ab. Ein pflasterähnliches Blutzuckermessgerät, das auf den Bauch geklebt wird, misst den Zucker im Gewebe. Zu den Mahlzeiten ruft der Patient die errechnete Insulinmenge als Bolus per Knopfdruck ab. Von der Pumpe aus gelangt das Insulin über einen feinen Plastikschlauch zur Nadel und in den Körper. Mit der Insulinpumpe gelingt es besser, den Insulinhaushalt eines Gesunden nachzuahmen, sie arbeitet also präziser.

Herz-Kreislauferkrankungen: Pumpe senkt das Risiko

Wie Forscher des Schwedischen Nationalen Diabetes-Registers jüngst herausfanden, haben Insulinpumpen einen weiteren entscheidenden Vorteil: Menschen, die eine Insulinpumpe tragen, haben ein deutlich geringeres Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen mit Todesfolge. Konkret ergab die Datenauswertung von insgesamt 18'168 Patienten Folgendes: Unter den Insulinpumpenträgern gab es 45 Prozent weniger Todesfälle aufgrund koronarer Herzkrankheit, 42 Prozent weniger starben an Herzkreislauf-Erkrankungen und allgemein starben im untersuchten Zeitraum 27 Prozent weniger als jene Diabetiker, die sich mehrmals am Tag Insulin spritzen. Laut Forscher könne eine mögliche Erklärung für dieses Ergebnis die Tatsache sein, dass Pumpenträger seltener schwere Unterzuckerungen haben, die das Herz belasten.
Allerdings sind die Anforderungen an den Patienten in Bezug auf einen sicheren Umgang mit dem Gerät höher als bei der Verwendung eines Pens. Sie müssen besonders gut betreut werden und motiviert sein, die hohe Schule der Insulineinstellung erlernen und beherrschen zu wollen. Dies sind, neben den etwa doppelt so hohen Kosten, Gründe dafür, dass Schätzungen zufolge nur zehn Prozent der Typ-1-Diabetiker auf diese Therapie zurückgreifen.

Künstliche Bauchspeicheldrüse arbeitet autark

Die Abschätzung des tatsächlichen Insulinbedarfs stellt für Pen-Nutzer eine Herausforderung dar und birgt auch Risiken. Mehrmals am Tag muss der Blutzuckerspiegel gemessen und die Insulinmenge korrekt berechnet werden. Vor allem die Angst vor einer nächtlichen Unterzuckerung wiegt schwer. Ein neues System, das als Art künstliche Bauchspeicheldrüse fungiert, soll das ändern. Es funktioniert im Prinzip wie eine herkömmliche Insulinpumpe, allerdings mit einem wesentlichen Unterschied: Mithilfe eines speziellen Rechenalgorithmus kann der Computer die über Sensoren übertragenen Daten aus der Menge des abgegebenen Insulins und der Konzentration des Gewebezuckers verrechnen und so voraussagen, wie viel Insulin der Körper demnächst braucht. Das System arbeitet also selbstständig: Sinkt der Glucose-Wert, schaltet sich das System automatisch ab; steigt er, schaltet es sich wieder zu. Seit Jahren tüfteln Wissenschaftler rund um den Globus an solchen Systemen, sind fleissig innerhalb von Studien am Testen. Zu Beginn dieses Jahres erhielt ein Junge in Australien weltweit erstmals eine künstliche Bauchspeicheldrüse, die durch eine Reihe von Schläuchen unter seiner Haut mit dem Organismus verbunden wurde und dort die biologische Funktion der Bauchspeicheldrüse nachahmt. Ein echter Durchbruch in der Behandlung von Typ-1-Diabetikern.