Interview

«Endometriose ist keine Lifestyle-Erkrankung»

Von PD Dr. Patrick Imesch - Universitätsspital Zürich · 2015

Sie ist ein häufiges, aber dennoch wenig bekanntes Frauenleiden: die Endometriose.
Was diese unerwünschte Versprengung der Gebärmutterschleimhaut anrichten kann, erläutert PD Dr. Patrick Imesch.

Was ist Endometriose genau und ab welchem Alter tritt sie auf?

Endometriose definiert sich durch das Vorhandensein von Gebärmutterschleimhaut ausserhalb der Gebärmutter. Solche Schleimhautinseln findet man vorzugsweise am Bauchfell des Beckens, als Endometriosezysten in den Eierstöcken oder tief infiltrierend in den Verschiebeschichten zwischen Scheide und Darm. Aber mitunter auch ganz woanders, etwa in der Lunge. Endometriose ist eine chronisch entzündliche, östrogenabhängige Krankheit und tritt im fruchtbaren Lebensabschnitt der Frau auf.

Wie viele Frauen in der Schweiz sind schätzungsweise betroffen?

Man geht davon aus, dass sechs bis zehn Prozent der Frauen in ihrer reproduktiven Phase an Endometriose leiden. Für die Schweiz sind dies rund 190'000 bis 280'000 Frauen. Endometriose ist keine neue oder gar Lifestyle-Erkrankung. Wenn sie zunehmend in der Bevölkerung bekannt wird, dürfte dies auf die verbesserte und kontinuierliche Aufklärung zurückzuführen sein.

Welches sind die typischen Symptome?

Die typischen Symptome sind starke, Schmerzmittel erfordernde Schmerzen während der Menstruation, chronische Unterbauchschmerzen und Sterilität. Je nach Lokalisation der Endometriose kann es auch zu Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, beim Stuhlgang oder Wasserlösen kommen. Häufig treten die Symptome aber unspezifisch als allgemeines Unwohlsein, diffuse Bauchbeschwerden, Völlegefühl, Antriebslosigkeit, chronische Müdigkeit oder Stimmungsschwankungen auf.

Kann die Erkrankung lange unerkannt bleiben?

Die Krankheit kann auch vorhanden sein, aber gar keine Symptome verursachen, deshalb wird sie gelegentlich als Zufallsbefund während einer Bauchspiegelung entdeckt, die aus einem anderen Grund gemacht wird. In diesen Fällen muss die Endmetriose nicht behandelt werden. Typischerweise ist der Leidensweg von Endometriose-Patientinnen aber sehr lang. In der Schweiz vergehen von den Erstsymptomen bis zur Diagnosestellung im Schnitt sechs bis neun Jahre. Während dieser Zeit konsultieren die betroffenen Frauen durchschnittlich fünf verschiedene Ärzte oder Kliniken, was die Schwierigkeiten in der Diagnosestellung klar aufzeigt.

Die Einnahme der Pille hilft gegen die Symptome der Endometriose. Kann das Leiden nach Absetzen wieder aufflammen?

Antibabypillen, zyklisch oder kontinuierlich eingenommen, können in der Tat endometrioseassoziierte Schmerzen in vielen Fällen zumindest lindern. Nach Absetzen können die Schmerzen wieder auftreten, müssen sie aber nicht.

Wie beeinflusst Endometriose die Fruchtbarkeit?

Endometriose und Sterilität weisen eine Assoziation auf, allerdings ist bis heute nicht restlos geklärt, wie dieser Zusammenhang zu verstehen ist. Einerseits löst die Endometriose chronische Entzündungen aus, die zu verklebten Eileitern führen oder das Verdrehen der inneren Genitalien verursachen können. Andererseits gibt es aber auch Hinweise, dass Endometriose eine Art «feindliche» Umgebung erzeugen kann, die zu einer Beeinträchtigung des Spermientransports, der Eileiterbeweglichkeit und der Eizellreifung führen kann.

Welche Diagnoseverfahren stehen Ihnen dann als Arzt zur Verfügung?

Die Diagnose ist nicht einfach, was die lange Latenzzeit zwischen den Erstsymptomen und der Diagnosestellung eindrücklich beweist. Zur definitiven Diagnosesicherung ist derzeit in den meisten Fällen eine Bauchspiegelung mit Visualisierung und Biopsie verdächtiger Herde notwendig. Endometriosezysten können allerdings relativ leicht mittels Ultraschalluntersuchung entdeckt werden, nicht aber die kleinen Herde am Bauchfell.

Ist Endometriose heilbar?

Ja, durchaus, meist mit einer Kombination aus chirurgischen und medikamentösen Therapieoptionen. Leider hat die Endometriose aber auch die Tendenz zur Rezidiventwicklung, also zu Rückfällen, sodass in vielen Fällen ein langfristiger Therapieplan notwendig ist, der individuell an die Bedürfnisse der Frauen angepasst werden muss.

Gibt es Innovationen der Forschung beziehungsweise neue Behandlungsmethoden?

Endometriose ist leider deutlich unterforscht, obwohl sie in der Häufigkeit ähnlich hoch ist wie beispielsweise Brustkrebs. Derzeit zeigen medikamentöse Therapieoptionen mit Gelbkörperhormonen in verschiedenen Darreichungsformen die besten Resultate, welche auch langfristig eingesetzt werden können. Obwohl eine familiäre Häufung der Endometriose beobachtet wird, sind bislang keine endometriosetypischen Genmutationen beschrieben worden.
Hingegen zeigen sich sogenannte epigenetische Veränderungen, welche derzeit intensiv, auch von unserer Forschungsgruppe, untersucht werden und in Zukunft möglicherweise ganz neu wirkende Therapieoptionen hervorbringen könnten.

Im Interview

PD Dr. Patrick Imesch
Leitender Arzt an der Klinik für Gynäkologie
Universitätsspital Zürich