Psyche

Gestiegenes Bewusstsein

Von Otmar Rheinhold · 2014

Psychische Erkrankungen gehören zu den häufigsten Krankheitsbildern in der Schweiz.
In den vergangenen Jahren ist das Bewusstsein dafür in der Bevölkerung gestiegen.
Gerade junge Menschen verdienen es,
bei der Bewältigung unterstützt zu werden.
Zum Glück gibt es zahlreiche Hilfsangebote.

Burnout, Depressionen, Essstörungen und Suchterkrankungen: Die Liste der psychischen Probleme, von denen wir uns umzingelt sehen, ist lang. Gefühlt nimmt die Zahl der Betroffenen von Jahr zu Jahr zu. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht in Medien und vonseiten der Politik vor den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen gewarnt wir. Doch wie steht es wirklich um die psychische Gesundheit der Schweizer? Und nehmen die Probleme tatsächlich vor allem bei jungen Menschen zu?

Viele Zahlen – nicht immer eindeutig

Offizielle Zahlen hierzu gibt es viele. Eindeutig sind sie nicht immer – oder passen nicht immer zur Wahrnehmung. So heisst es im Bericht des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums (Obsan) zur psychischen Gesundheit in der Schweiz zwar, dass jeder sechste Schweizer «mittel bis stark psychisch belastet» ist – Frauen und Jüngere häufiger als Männer und ältere Personen. Der Bericht zeigt jedoch auch, dass die psychische Gesundheit in der Schweiz «im Grossen und Ganzen» stabil ist und sich in den vergangenen zehn Jahren nicht substanziell verschlechtert hat. 
Beispiel Depression: Mit 2,5 Fällen pro 1`000 Einwohnern ist sie, vor allem bei Frauen, die am meisten behandelte psychiatrische Diagnose in Spitälern. Signifikant zugenommen hat sie aber nicht. Die Suizidrate – in der Schweiz klassischerweise überdurchschnittlich hoch – fiel zwischen 1991 und 2011 von 20,7 auf 11,2 pro 100`000 Einwohner, was einigermassen normal ist im europäischen Vergleich. Depressionen wiederum gelten als Auslöser für rund 70 Prozent aller Suizide. 

Immer mehr jugendliche IV-Bezüger 

Zugleich vermeint die öffentliche Wahrnehmung vor allem bei Kindern und Jugendlichen wachsende Probleme mit psychischen Problemen und Suchtverhalten zu vermelden. Tatsächlich sind regelmässige Besäufnisse durchaus ein Phänomen, vor allem bei jungen Erwachsenen. Und Anlaufstellen berichten über deutlich mehr Jugendliche, die in psychischen Extremsituationen ihre Hilfe aufsuchen. Zugleich äussern sich psychische Probleme wie Depressionen oder Essstörungen naturgemäss oft schon im jugendlichen Alter, sieht man einmal von dem nicht zu unterschätzenden Problem der Altersdepression ab. Und nicht wenige Experten bezeichnen die so verbreitete Diagnose «ADHS» schlicht als Modediagnose und Schubladisierung problematischer Jugendlicher. 

Hilfen sind vorhanden

In diesem Zusammenhang wird auch immer wieder auf die wachsende Zahl der jugendlichen IV-Bezüger mit einer psychischen Erkrankung verwiesen. Während insgesamt die psychischen Diagnosen gut die Hälfte aller Neurenten begründen, sind es bei den Jugendlichen 70 bis 80 Prozent. Oft wird ADHS oder eine Persönlichkeitsstörung attestiert. Auch das muss aber nicht auf eine wachsende Zahl von Jugendlichen mit psychischen Problemen hinweisen. Es kann auch die sinkende Bereitschaft ausdrücken, «schwierige» junge Menschen in der Arbeitswelt eine Chance zuzutrauen. Da schickt sie der Staat dann lieber in Rente – eine fatale Entwicklung, denn einmal «im System», sind die Chancen schlecht, in den Arbeitsmarkt zu finden. 
Was bedeutet das nun? Wie so oft deutet vieles darauf hin, dass weniger die Zahl der Betroffenen, sondern das Bewusstsein für ihre Lage zugenommen hat. Was im Grunde eine gute Sache ist, denn sie brauchen und verdienen Unterstützung. Gerade wenn es um die Eingliederung in die Arbeitswelt geht. Für Menschen mit psychischen Problemen oder Suchtproblemen steht nämlich eine grosse Bandbreite an Hilfen und Unterstützungsangeboten bereit. Diese Publikation soll dazu beitragen, das Wissen um sie zu verbreiten.