Wohnintegration

Hilfe zur Selbsthilfe

Von Svenja Runciman · 2013

Wenn das eigenständige Wohnen für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen zum Problem wird, kann Wohnintegration die Lösung sein.

Manche Menschen wirft eine psychische Erkrankung völlig aus der Bahn. Mit den (ansonsten) einfachsten Dingen, wie etwa der Bewerkstelligung des eigenen Haushaltes, sind sie schlichtweg überfordert. Es besteht die Gefahr einer zunehmenden Isolation oder gar Verwahrlosung. Eine instabile Wohnsituation kann sich darüber hinaus negativ auf die Ausübung des Berufes auswirken oder die Suche nach einer neuen Arbeitsstelle erschweren. Die Chancen auf dem freien Wohn- und Arbeitsmarkt schwinden, Sozialhilfeabhängigkeit und Obdachlosigkeit können drohen. Für diese Menschen ist das Angebot der Wohnintegration ein Rettungsanker. Übergeordnetes Ziel ist die gesellschaftliche Re-Integration von Menschen mit besonderem Betreuungsbedarf durch die individuelle Förderung der Sozial- und Selbstkompetenz. 

Unterstützung im Alltag

Für Menschen, die ihre Wohnkompetenz verloren haben, bieten sich zwei Möglichkeiten der Unterstützung: die Wohnintegration und die Wohnbegleitung. Diese beiden Leistungen unterscheiden sich im Wesentlichen durch ihre unterschiedlichen Zielsetzungen und die zur Verfügung stehende zeitliche Betreuungsintensität. Grundsätzlich richtet sich das Angebot an Personen, die aufgrund ihrer Lebenssituation noch nicht wieder in der Lage sind, selbstständig zu wohnen, zum Beispiel nach einem Klinikaufenthalt. Während es bei der ambulanten Wohnbegleitung darum geht, Betroffene darin zu unterstützen, ihre Wohnung zu halten, wird bei der Wohnintegration Wohnraum in der jeweiligen Einrichtung zur Verfügung gestellt – mit dem Ziel, in der Zukunft möglichst wieder die eigenen vier Wände beziehen zu können. In der Wohnintegration leben Menschen aus unterschiedlichen Altersgruppen zusammen unter einem Dach. In der Regel hat jeder sein eigenes Zimmer und Bad. Küche und Wohnraum werden hingegen gemeinschaftlich genutzt. Sie dienen als «Begegnungsraum» für die Bewohner, die ein ähnliches Schicksal teilen, und fördern das soziale Zusammenleben. 

Zurück in ein selbstbestimmtes Leben

Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen oder psycho-sozialen Schwierigkeiten, die immer wieder die Erfahrung machen, durch eigenes Handeln die äussere Situation nicht oder kaum beeinflussen zu können, geraten häufig in einen Zustand, in dem sie sich selbst nichts mehr zutrauen, sich zurückziehen und isolieren. Im Rahmen der Wohnintegration lernen sie durch professionelle Unterstützung, ihre Angelegenheiten wieder selbst in die Hand zu nehmen, sich ihrer Fähigkeiten bewusst zu werden sowie ihre individuellen Ressourcen für ihre Lebensführung zu nutzen. Die Mitarbeiter der Einrichtungen, ausgewiesene Fachkräfte der Psychologie und Sozialpädagogik, unterstützen die Bewohner im Alltag und intervenieren bei Krisen. Die Betreuung erfolgt individuell auf den Bewohner abgestimmt – zeitweise, zum Beispiel nur tagsüber oder an Wochentagen, oder auch rund um die Uhr. Einzel- oder Gruppengespräche stehen ebenso auf dem Programm wie gemeinsame Freizeitaktivitäten. Wichtig ist ein strukturierter Tagesablauf.

Wohnintegration – nicht für jedermann

Die Wohnintegration eignet sich insbesondere für Menschen, die etwas verändern wollen, es aber aus eigener Kraft nicht schaffen. Eine wichtige Voraussetzung ist demnach die Bereitschaft, sich mit der aktuellen Lebenssituation auseinandersetzen zu wollen. Für die bevorstehende therapeutische Zusammenarbeit zwischen Betroffenen und Betreuern ist dies eine gute Voraussetzung. Um den Anforderungen während des Aufenthalts gerecht zu werden, muss der Gesundheitszustand soweit stabil sein. In einer mehrwöchigen Probezeit wird daher zunächst geprüft, ob der Aufenthalt in einer Wohnintegration Sinn macht. Erst dann geht es um die Frage, welche Ziele mit dem Aufenthalt erreicht werden sollen und mit welcher Form von Unterstützung sie umgesetzt werden können. Die Frage nach der Dauer eines Aufenthaltes lässt sich nicht pauschal beantworten. Sie hängt von der Art der psychischen Beeinträchtigung und den Fortschritten in der persönlichen Entwicklung ab. Hat der Bewohner sich die nötigen Kompetenzen angeeignet, kann er den Sprung in eine eigene Wohnung wagen. Die unterstützenden Massnahmen erfolgen grundsätzlich so intensiv und lange wie nötig. Bei der Rückkehr in ein eigenständigeres Leben werden die Ehemaligen der Wohnintegration jedoch nicht allein gelassen. In der ambulanten Nachbetreuung wird für eine befristete Zeit geprüft, ob die Organisation des Alleinlebens auch tatsächlich funktioniert.