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Interview

Migrantensprechstunde in der Grundversorgung: Innovation und Patientenzentrierung gelebt

Von Lindita Ballazhi Psychotherapeutin, Psychoonkologin Hausarztpraxis Muttenz AG – Gruppenpraxis Ärztenetz Nordwest AG · 2019

Einer der Grundpfeiler des Gesundheitssystems in der Schweiz ist, allen Bewohner einen barrierefreien und patientenzentrierten Zugang zur Gesundheitsversorgung zu ermöglichen. Für Migranten kann dies mitunter schwierig sein, da oft sprachliche oder kulturelle Barrieren bestehen – nicht aber mit dem innovativen und transkulturellen Konzept der Hausarztpraxis Muttenz.

Frau Ballazhi, Sie bieten neu eine Migranten­sprech­stunde an. Wie sind Sie auf die Idee gekom­men?

Wir sind hier in Muttenz eine klassische Ausländerpraxis. Ich beobachte bei unseren Patienten zunehmend, dass sie im Gesundheitswesen ausserhalb unserer Praxis oft an ihrer Grenzen stossen. Einerseits, weil sie ihre Beschwerden in der umfassenden Komplexität nicht zum Ausdruck bringen können, andererseits, weil sie sich oft nicht verstanden oder ernst genommen fühlen. Oft wird bei psychischen Problemen bei einer Klientel mit einem niedriegen psychotherapeutischen Bewusstsein ein Heilbehandler als erste Anlaufstelle gewählt. So erhöht sich das Risiko der Chronifizierung einer psychischen Erkrankung aufgrund der «Fehlbehandlung» beziehunsgweise erfolgt keine adäuate Behandlung. Daher kam der Gedanke, das Bewusstsein der Migranten für psychische Vorgänge respektive Psychotherapie zu erhöhen, und somit die erste adäquate Anlaufstelle zu sein. Es ist eines der Ziele auch Migranten ausserhalb unserer Praxis diesen so immens wichtigen sprach- und kultursensiblen Behandlungs- oder Beratungszugang zu ermöglichen.

Was sind Ihre Erfahrungen aus Deutschland?

Ich war viele Jahre in einer grossen Universitätsklinik in Deutschland tätig. Dort haben wir im Rahmen der Flüchtlingswelle eine ähnliche Sprechstunde angeboten und somit für viele Hilfe- und Ratsuchende eine gute Adresse zur Verfügung stellen können. Die Erfahrungen waren durchwegs positiv; wir konnten vielen Patienten helfen, die sonst wohl keine Behandlung erfahren hätten. Hier ist das Setting etwas anders, indem wir uns als bereits etablierte Ausländerpraxis darum bemühen, die Eintrittshürden ins Gesundheitssystem abzubauen und somit nicht nur zu therapieren, sondern am besten schon zu präventiv vorzugehen oder die Lebenqualität der Migranten zu fördern.

Was ist der Nutzen für den Patienten?

Der Patient kann ungezwungen und barrierefrei in seiner Muttersprache sein Problem darlegen.
So fühlt er sich gleich verstanden und ernst genommen. In dem Kontext fungiert mein eigener Migrationshintergrund als therapeutisches Kapital. Die Therapie gestaltet sich unter anderem auch sehr effizient, da mir die kulturellen Besonderheiten gut vertraut sind, um hochsensibel das Problem des Patienten in seiner Komplexität rasch erfassen zu können. Dieser Aspekt ist nicht nur für die therapeutische Beziehung sehr förderlich, die mitunter in der Psychotherapie eine zentrale Rolle einnimmt, sondern auch für den weiteren therapeutischen Prozess hochwirksam.

Wie muss man sich die Migrantensprechstunde in Muttenz vorstellen?

Die Migrantensprechstunde ist eine offene Sprechstunde, wo albanisch, mazedonisch und serbo-kroatisch sprechende Patienten jeden ersten Samstag im Monat ohne Voranmeldung circa eine halbe Stunde Erstgespräch für psychische Probleme wahrnehmen können. Dadurch, dass ich in Mazedonien geboren und aufgewachsen bin, spreche ich selbstverständlich albanisch und mazedonisch und kenne vor allem auch den kulturellen Hintergrund eines Grossteils der Balkan-Länder. Der integrale Bestandteil der Migrantensprechstunde ist eine sprach- und kultursensible Therapie anzubieten oder diese in die Wege zu leiten.

Welche Gruppe Patienten wollen Sie damit ansprechen?

Die Sprechstunde steht für jegliche Migranten mit psychischen Problemen offen. Es soll und muss keine Anmeldung stattfinden. Innert einer halben Stunde versuche ich gemeinsam mit dem Patienten das Problem herauszukristallisieren, um so eine Perspektive für das weitere Vorgehen zu entwickeln. Ob die weitere Behandlung dann bei uns in der Praxis ambulant stattfindet oder anderswo ein intensiveres (teil-)stationäres Setting benötigt wird, entscheiden wir gemeinsam mit dem Patienten im Gespräch respektive Folgesitzung. Wir hoffen, somit eine Art «Akutsprechstunde» anzubieten, um so eine gute Support-Adresse für viele hilfsbedürftigte Migranten zu sein.

Im Interview

Lindita Ballazhi

Psychotherapeutin, Psychoonkologin

Hausarztpraxis Muttenz AG – Gruppenpraxis

Ärztenetz Nordwest AG

Ausmattstrasse 1 · CH-4132 Muttenz

T: +41 (0)61-461 28 28 

E: hausarztpraxismuttenz@hin.ch

www.hausarztpraxismuttenz.ch