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Interview

«Permanente Sorge um Kinder und Familie kann Migräneattacken auslösen»

Von Im Interview: Dr. med. Reto Agosti Facharzt Neurologie FMH, Gründer und Leiter Kopfwehzentrum Hirslanden · 2019

Einfach nur Ruhe und niemanden mehr sehen: Für die meisten Migränepatientinnen geht bei einer Attacke nichts mehr. Dr. Reto Agosti berichtet über die Ursachen und was therapeutisch Linderung verschafft.

Herr Dr. Agosti, wie grenzt sich eine Migräne von Kopfschmerzen ab?

Kopfschmerz ist der grosse Überbegriff. Grundsätzlich kann man zwischen 250 und 350 unterschiedlichen Kopfschmerztypen differenzieren. Diese unterscheiden sich vor allem durch ihre Ursache. Im Alltag spielt der Spannungstypkopfschmerz oder «pure» Kopfschmerz ohne weitere Symptome eine wichtige Rolle. Zwischen 50 bis 90 Prozent der Gesamtbevölkerung leiden irgendwann im Laufe des Lebens darunter. Ganz anders ist die Migräne, die sich erheblich davon abgrenzt.

Inwiefern?

Das Schema der Migräne ist ein Kopfschmerz, der heftig und pulsierend ist. Zudem kann er einseitig sein und Betroffene geradezu vom Denken abhalten. Bewegt man sich, schmerzt der Schädel noch mehr. Hinzu kommt, dass sämtliche Sinnesorgane plötzlich extrem empfindlich sind. Betroffene können Licht, Geräusche oder Gerüche nicht mehr ertragen. Sie haben einzig und allein das starke Verlangen, ins Dunkle zu gehen. Ebenso typisch sind Begleiterscheinungen wie Übelkeit und manchmal auch Erbrechen.

Heisst, man ist völlig ausgeknockt?

Absolut, das kann bis zu drei Tage andauern. Im Prinzip sind die Betroffenen dann nicht mehr einsatzfähig.

Warum sind Frauen häufiger betroffen als Männer?

Wenn man die Statistik anschaut, haben sechs bis acht Prozent der Männer – über das ganze Leben gesehen – irgendwann Migräne. Demgegenüber stehen etwa 20 Prozent Frauen. Wie Studien hervorgebracht haben, scheinen bis zur Pubertät Knaben und Mädchen gleich häufig an Migräne zu leiden. Erst im weiteren Verlauf sind Mädchen häufiger betroffen. Allerdings unterscheiden sich die einzelnen Krankheitsbilder.

Welche Rolle spielen also die Hormone?

Die Migräne wird bei vielen Frauen durch Hormonschwankungen ausgelöst und beginnt oft kurz vor der Regelblutung. Bei einer Minderheit ist Migräne nicht auf die hormonellen Schwankungen zurückzuführen. Ähnlich bei der «Pille»: Während bei einigen Frauen die Migräne mit Einsetzen dieser Empfängnisverhütung nicht mehr auftritt, fängt sie bei anderen dann erst an. Bei mehr als zwei Drittel der Schwangeren wiederum verschwindet die Migräne ab dem dritten Monat. Dagegen leiden wenige werdende Mütter aus­schliesslich in der Schwangerschaft unter den Beschwerden.

Welchen Einfluss kann die familiäre Belastung durch das Grossziehen der Kinder haben?

Meinem persönlichen Eindruck zufolge können Frauen viel weniger abschalten als Männer, denn sie sind bei jedem Problem für die Kinder die erste Anlaufstelle – und das auch nachts. Er schläft, sie wacht auf. All das ist für mich ein Grund, weshalb Frauen häufiger Migräne haben.

Was hilft Ihnen bei der Diagnose?

Zunächst bin ich in der Vorgeschichte auf die Schilderungen der Patientinnen angewiesen. Aber auch die Familiengeschichte spielt eine wichtige Rolle. Habe ich einen Verdacht, muss ich etwa um die 200 Ursachen im Gehirn ausschliessen. Dazu gehört heute auch ein MRI. Insgesamt gib es rund zehn schmerzspezifische Areale im Gehirn, die bei bestimmten Schmerzgeschehen spontan aktiv sind. Zwei bis drei Areale reagieren bei der Migräne sogar sehr auffällig.

Was heisst dies nun für die Therapie?

Neben der gezielten Attacken-Behandlung gibt es ebenso die schulmedizinische Prophylaxe, wozu ganz neue Medikamente gehören. Eine weitere Säule ist die komplementär-medizinische Prophylaxe. Allerdings geht es den Patienten während der Attacke zumeist so schlecht, dass diese Komplementär-Therapien dann nur höchst selten etwas bringen. Eine grosse Wirksamkeit haben dagegen Triptane gezeigt. Diese Medikamente sind «serotoninaktiv», 60 bis 70 Prozent der Patienten sprechen darauf an. Und: Man kann sie nicht überdosieren und es gibt keine Schädigungen. Allerdings sind sie relativ teuer, weshalb sie verschrien sind. Grundsätzlich könnte man viel Leid verhindern, wenn Hausärzte diese öfter verschreiben würden.

Im Interview

Dr. med. Reto Agosti

Facharzt Neurologie FMH,
Gründer und Leiter  

Kopfwehzentrum Hirslanden

www.kopfwww.ch