Reha

So gelingt die berufliche Reha trotz Epilepsie

Von Gabriele Hellwig · 2014

Auch Menschen mit Epilepsie können einer ganz normalen Arbeit nachgehen. Das ist wichtig für die soziale Eingliederung und das Selbstwertgefühl. Damit die Rehabilitation wirklich gelingt, ist eine gute Vorbereitung das A und O.

Eine geeignete Arbeit finden – das ist besonders für Menschen mit Epilepsie oft nicht leicht. Die Ursachen sind vielfältig: zum einen die oft reduzierte Leistungsfähigkeit. Untersuchungen zeigen, dass – je nach Art und Ausprägung der Erkrankung – bis zu 50 Prozent der erwachsenen Epilepsiekranken kognitive Störungen oder Verhaltensprobleme ausweisen. Bei Kindern und Jugendlichen ist diese Rate sogar noch höher: Circa 50 bis 70 Prozent zeigen Störungen des Lern- und Leistungsvermögens, der schulischen Entwicklung sowie des Verhaltens. 
Zum anderen die Nebenwirkungen der Medikamente, die bei Epilepsie genommen werden müssen. Konzentration und Leistungsvermögen können sich verschlechtern. Weiter erschwerend: die Stigmatisierung der Gesellschaft. Weit verbreitet ist die Angst, der Epilepsiekranke könnte weitere psychische Erkrankungen haben oder womöglich am Arbeitsort einen Anfall erleiden. 

Der Arbeitsplatz kann den Kranken überfordern

Tatsächlich kann ein epileptischer Anfall am Arbeitsplatz auftreten. Theoretisch. Praktisch ist das aber meistens nur dann der Fall, wenn der neue Arbeitsplatz den Epilepsiekranken überfordert. Im schlimmsten Fall kommt es dann sogar zu einer Anfallszunahme. Um eine solche Situation zu verhindern, ist eine gute Vorbereitung wichtig. Nur wenn die Voraussetzungen optimal sind, kann eine berufliche Rehabilitation gelingen. 
Die wichtigsten Voraussetzungen für die Aufnahme einer beruflichen Tätigkeit für einen Epilepsiekranken sind eine stabile medizinische Situation, ein stabiles Sozialverhalten mit Selbstständigkeit im Alltag, eine Belastbarkeit von mehr als drei Stunden täglich sowie die Fähigkeit, sich zu konzentrieren und einfache Aufgabenstellungen zu verstehen.
Um abzuklären, ob der Betroffene diese Voraussetzungen erfüllt, wird er von einem Neuropsychologen genau untersucht. Mithilfe standardisierter und klinischer Tests erhebt der Arzt die neuropsychologischen Leistungsprofile und vergleicht die Ergebnisse mit denen gesunder Gleichaltriger. So kann er die individuelle Leistungsfähigkeit des Erkrankten ermitteln und feststellen, ob er für eine berufliche Reha überhaupt infrage kommt. Oft gibt der Neuropsychologe schon eine Einschätzung, welche Tätigkeitsfelder vielleicht gut geeignet wären. Der Arzt muss ausschliessen können, dass während der Reha Anfälle auftreten. Gegebenenfalls empfiehlt es sich, dass der Patient auf wirksamere oder besser verträgliche Medikamente umsteigt.

Drei Monate wird das Wissen und Können überprüft

Scheint die Prognose nach den ersten Untersuchungen positiv, kann die berufliche Rehabilitation beginnen. Drei Monate lang wird der Epilepsiekranke von einem «geschulten Berufsabklärer» begleitet. Während dieser beruflichen Massnahme wird das schulische Wissen und Können überprüft. Anschliessend darf der Betroffene verschiedene berufliche Tätigkeiten ausprobieren. Dabei wird auch auf die kognitive und körperliche Leistungsfähigkeit geachtet. 
Ganz wichtig in dieser Zeit: Der Epilepsiekranke soll ein realistisches Selbstbild erhalten, sich mit «Wunsch und Realität» immer wieder auseinandersetzen. Er soll und kann äussern, welche Tätigkeiten ihm Freude bereiten und in welchen Bereichen er noch Schwächen hat. Der positive Blick in die Zukunft wird gestärkt: Der Patient erlernt Strategien, mit denen er seine Defizite im beruflichen Alltag kompensieren kann. So kann er seine Leistungsfähigkeit verbessern. Das wiederum führt zur grösseren Zufriedenheit. Das Selbstbewusstsein steigt. So macht der Beruf Spass – und das ist langfristig das Ziel. 

Der Patient kann lernen, Anfällen vorzubeugen

Ist der gesundheitliche Zustand des Epilepsiekranken zwar relativ gut, aber das Risiko für epileptische Anfälle erhöht, besteht die Möglichkeit der sogenannten Psychoedukation. In einer Psychotherapie lernt der Patient seine Anfälle zu beeinflussen – entweder zu unterbrechen, wenn sie auftreten, oder noch besser: vorzubeugen. Konkret bedeutet das: Der Patient wird geschult, mögliche Auslösefaktoren für die epileptischen Anfälle zu erkennen. Das können externe Reize wie ein heller Fernseher oder ein Wetterumschwung sein oder interne Reize wie starker Stress oder Angst. Der Kranke erarbeitet  Gegenmassnahmen und Verhaltensweisen, die seinen Stresspegel reduzieren. 
Während der gesamten Abklärungszeit erhalten die Patienten übrigens vom Kostenträger der beruflichen Massnahme ein Taggeld. Kost, Logis und Reisespesen werden ebenfalls bezahlt.