Psyche

Warten auf ein Wunder

Von Nadine Effert · 2015

Trotz reger Forschung: Heilbar sind Demenzerkrankungen – darunter vornehmlich die Alzheimer-Krankheit – (noch) nicht. Mit der richtigen Therapie lässt sich jedoch der Verlauf beeinflussen.

Betroffene mit Alzheimer-Demenz teilen ein gemeinsames Schicksal: das Vergessen. Stück für Stück löschen sich Gedanken, Fähigkeiten und Assoziationen aus dem Gedächtnis. Dagegen sind Alzheimer-Patienten machtlos. Es ist ein hartes Los, mit dem viele Menschen im letzten Abschnitt ihres Lebens umgehen müssen. Die Schweizerische Alzheimervereinigung geht davon aus, dass rund 116‘000 Personen hierzulande an einer Demenz erkrankt sind. Die durchschnittliche Lebensdauer beträgt acht bis zehn Jahre. Der grösste Risikofaktor ist das Alter. Nur in sehr seltenen Fällen erwischt die Alzheimer-Demenz Menschen unter 60 Jahre. Oftmals ist die Entstehung von Alzheimer ein Zusammenspiel aus Alterungsprozessen, erblichen Faktoren, Vorerkrankungen des Gehirns sowie Umwelteinflüssen.

Nervenzellen im Gehirn sterben ab

Eine Heilung im Sinne einer Behebung der Ursache ist bei der hirnorganischen Krankheit nicht möglich. Derzeit angewendete Behandlungsverfahren verzögern lediglich die Krankheit und lindern die Begleitsymptome. Zum Krankheitsbild gehört nicht nur der Gedächtnisverlust. Probleme bei der Orientierung, Sprachstörungen, Störungen des Denk- und Urteilsvermögens sowie Veränderungen der Persönlichkeit gehen mit ihr einher und verschlimmern sich mit der Zeit. Der Grund: ein fortschreitender Verlust von Nervenzellen in der Hirnrinde und in tiefer liegenden Hirnstrukturen. Dieser Prozess geht Hand in Hand mit der Bildung von abnorm veränderten Eiweissstückchen (Plaques), die sich im Gehirn ablagern. Sie führen zu Störungen von Stabilisierungs- und Transportprozessen in der Nervenzelle und folglich zu ihrem Tod.

Auf der Suche nach effektiven Wirkstoffen

Medikamente können zu einer Verbesserung der geistigen Leistungsfähigkeit und der Alltagbewältigung beitragen. Der bei der Alzheimer-Krankheit typische Mangel an Acetylcholin kann durch Cholinesterase-Hemmer und der Überschuss an Glutamat durch den Wirkstoff Memantine ausgeglichen werden. Leiden Betroffene zusätzlich zum Beispiel unter Depression oder Sinnes- oder Schlafstörungen und lassen sich diese problematischen Verhaltensweisen nicht durch Veränderungen im Tagesablauf oder Anpassungen der Umgebung beheben, kommen Neuroleptika oder Antidepressiva zum Einsatz.
Derzeit sind gerade einmal vier Medikamente zur Behandlung von Alzheimer auf dem Markt. Die Hoffnung, dass Forscher endlich die Nachricht von einer Wunderpille verbreiten, die Alzheimer heilen oder wirksam behandeln kann, ist immens. Der grosse Durchbruch blieb bislang aus, was mitunter an der Komplexität der Erkrankung liegt. Am Ball bleiben lautet die Devise. Gegenwärtig wird an neuen Therapieformen geforscht, die den fortschreitenden Untergang von Nervenzellen und Nervenzellenkontakten verlangsamen oder gar aufhalten können. Ein Fokus liegt dabei auf den Beta-Amyloid-Plaques. Künstlich hergestellte Antikörper sollen sich an das Protein heften und markieren, damit es vom Immunsystem abgebaut wird und so der Raum zwischen den Nervenzellen „sauber“ bleibt. Während Wissenschaftler und Pharmaunternehmen fleissig weiterforschen, sollten Betroffene durchaus auch nicht-medikamentöse Therapieformen in Betracht ziehen, da sie bei vielen Patienten eine positive Wirkung aufzeigen.

Dem Gedächtnis unter die Arme greifen

Bei der Erinnerungstherapie etwa werden über äussere Auslöser wie Fotos, Musik, Gerüche oder Gespräche verblasste Erinnerungen wiederbelebt. Grundsätzlich erinnern sich Betroffene besser an Dinge, die weiter zurückliegen – etwa Anekdoten aus der Schulzeit. Beim Kurzzeitgedächtnis macht sich die Krankheit zuerst bemerkbar. Wer hat heute Morgen angerufen? Wie schalte ich noch mal den Herd aus? Im Rahmen der Milieutherapie geht es darum, den Lebensraum Demenzkranker so zu gestalten, dass sie Orientierung, Sicherheit und Geborgenheit finden. Auch kleine Merkzettel, die Hinweise zu Zeit, Umgebung oder Personen liefern, erleichtern den Alltag. In der Ergotherapie lernen Patienten durch Übungen bestimmte praktische Fähigkeiten wie Körperpflege nicht ganz zu verlernen.
Untersuchungen des Rush Alzheimer’s Disease Center in Chicago an Patienten mit einer milden kognitiven Beeinträchtigung deuten darauf hin, dass sogar regelmässiges Gedächtnistraining das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen kann. Hier empfehlen die Forscher komplexe koordinative Aufgaben wie Jonglieren, da diese die Kombination verschiedener Fertigkeiten erfordern. Die Dauer der Wirkung dieser Palette an nichtmedikamentösen Therapien ist jedoch nicht bekannt. Alzheimer ist und bleibt nun mal eine Geissel vieler alternder Menschen.