Übergewicht

Wenn die Waage zu viel anzeigt

Von Nadine Effert · 2019

Immer mehr wiegen zu viel und gefährden damit ihre Gesundheit.

Immer mehr Schweizer haben zu viel auf den Rippen. Dabei ist Übergewicht keine rein ästhetische Angelegenheit. Die Gesundheit leidet und selbst das Gehirn kann laut neuesten Erkenntnissen in Mitleidenschaft gezogen werden.

Wer kennt ihn nicht, den Dokumentarfilm «Supersize Me» des US-Regisseurs Michael Moore aus dem Jahr 2004. Er thematisiert das Problem Fettleibigkeit zwar mit Blick auf die amerikanische Bevölkerung, doch ist starkes Übergewicht ein Problem, das längst in Europa angekommen ist. Auch in der Schweiz haben Übergewicht und Fettleibigkeit, im Fachjargon Adipositas genannt, sich zu einer Volkskrankheit entwickelt: Rund 2,5 Millionen Menschen haben Übergewicht, darunter etwa 500’000 mit einem BMI über 30, also einer Fettleibigkeit – Tendenz steigend. Zum Vergleich: Im Jahr 1992 hatte lediglich jeder Vierte hierzulande zu viele Kilos auf den Rippen. Im Falle der Adipositas hat sich die Zahl in den letzten zwei Jahrzehnten sogar beinahe verdoppelt. Verheerend, wenn man bedenkt, dass Fettleibigkeit nicht nur die Lebensqualität erheblich einschränkt, sondern schwere gesundheitliche Folgen haben kann, wie zum Beispiel Diabetes mellitus und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. In Kombination wirkt sich das auf die Lebenserwartung aus: So verkürzt sich die Lebensdauer zum Beispiel bei 40-Jährigen mit starkem Übergewicht um drei bis sechs Jahre; bei schwerer Adipositas sogar um bis zu 20 Jahre.

Schneller alterndes Gehirn

Forscher des deutschen Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften haben nun eine weitere gesundheitliche Auswirkung der Adipositas entdeckt – und zwar auf das Gehirn: «Wir haben bereits lange vermutet, dass ein hoher Body-Mass-Index auch dem Gehirn schadet. Jetzt haben wir direkte Hinweise dafür gefunden», so Veronica Witte, Leiterin der zugrundeliegenden Studie und der Forschungsgruppe Altern und Adipositas. «Wir haben beobachtet, dass bei stark Übergewichtigen innerhalb eines bestimmten Netzwerks einige Regionen schwächer miteinander verbunden sind. Dadurch können in diesem sogenannten Default Mode Network, kurz DMN, die einzelnen Regionen schlechter zusammenarbeiten.» Ein weniger vernetztes DMN ist ein frühes Indiz für ein erhöhtes Risiko für eine Alzheimer-Demenz. Normalerweise zeigt sich dieses Anzeichen erst im hohen Alter oder bei drohender Demenz, was dafür spricht, dass Adipositas das Gehirn früher altern lässt. «Interessant wäre es nun, in zukünftigen Studien zu beobachten, wie sich das DMN bei unseren Probanden in den nächsten Jahren entwickelt und welche Auswirkungen das wiederum auf die geistige Leistungsfähigkeit hat. Oder wie es sich beispielsweise verändert, wenn sie ihren Lebensstil radikal umstellen und ihr Körpergewicht reduzieren», fügt Witte hinzu.

Essverhalten allein ist nicht schuld

Apropos Lebensstil. Hauptgründe für die steigende Anzahl an Betroffenen sind zu viel ungesundes Essen und zu wenig Bewegung. Auch bestimmte Getränke können das Risiko für Übergewicht und Adipositas erhöhen: Laut spanischen Forschern der Universität von Navarra steht dabei ein alkoholischer Kandidat ganz oben auf der «Schlecht-für-die-Figur»-Liste. Die Rede ist vom täglichen Feierabendbier. Wer sich dieses verkneift und stattdessen beispielweise zu Wasser greift, mindert das Risiko an Fettleibigkeit zu erkranken um 20 Prozent. Aber Vorsicht: Der Verzicht bedeutet nicht, dass ungehemmt geschlemmt werden darf. Ohnehin ist Übergewicht ein komplexes Problem. Nicht selten spielen auch psychische Faktoren wie Stress oder Langeweile oder die Einnahme bestimmter Medikamente eine Rolle.

Ziel: dauerhafte Gewichtsreduktion

Neben Ernährungsumstellung und regelmässiger körperlicher Ertüchtigung ist daher oft die Verhaltenstherapie Teil des «professionellen» Abnehmprogramms. Greifen konservative Massnahmen bei Adipositas-Patienten nicht, führt ein operativer Eingriff in Form eines Magenbypasses oder eines Magenschlauchs zu einer nachhaltigen Gewichtsreduktion. Und: Infolgedessen verschwinden beim Gros der Patienten auch Begleit­erkrankungen wie Diabetes und Bluthochdruck. Und vielleicht kann in Zukunft auch die positive Auswirkung einer Gewichtsreduktion auf das Gehirn bestätigt werden. Noch mehr Ansporn, die Waage im Blick zu behalten und rechtzeitig der Gesundheit zuliebe aktiv zu werden.